Mit Rapha in den Schlaf

Wir müssen ehrlich sein: Die Idee, eine Jacke mit einem kurzen Schlafsack zu einem leichten „Not-“ oder Sommerschlafsack zu kombinieren, ist nicht neu. Erstmals meinte ich sich bei Nick and Dick Cranes in ihrem Buch „Journey to the Centre of the World“ von 1987 gesehen zu haben (Internet sei Dank konnte ich nun klären, dass dies ein Erinnerungsirrtum ist. Hier der Link zum Buch als pdf). Kommerziell hat PHD dieses Konzept unter dem Namen „Marathon des Sables Collection“ über die letzten Jahre immer weiter verfeinert (jetzt hier zu finden) und auch Patagonia präsentierte semi-kürzlich einen entsprechenden Schlafsack (hier führten meine dünnen Kontakt leider ins Leere, Glück für Rapha ;) ).

Die Idee hinter der Kombi ist folgende: Eine wärmende Jacke hat quasi jeder Bikepacker immer dabei. Sie dient im Lager als Wärmeschicht, wenn man vom Rad gestiegen ist. Sie dient auf Pässen oder bei plötzlichen Wetterumbrüchen als Temperaturreserve und macht einen Tourenstart am frühen Morgen auf den ersten Metern kuscheliger. Wer einen regulären Schlafsack dabei hat, bei dem bleibt die Jacke nachts ungenutzt. Findige Produktdesigner haben das genutzt und den Schlafsack soweit abgespeckt, dass er nur in Kombination mit der Jacke warm bleibt und gleichzeitig deutlich Gewicht gelassen hat. So auch bei Rapha: Die unteren zwei Drittel des Schlafsackes weisen eine luftig, leichte Daunenfüllung auf, im oberen Geltungsbereich der Daunenjacke besteht der Schlafsack nur aus Außenmaterial ohne jede Isolierung. Jacke angezogen und einmal hineingeklettert, hat man ein Liegegefühl wie in einem herkömmlichen Schlafsack.

Der „Explore“-Schlafsack wiegt 270 Gramm, kostet 290 Euro und ist in zwei Größen erhältlich. Eine DWR-Beschichtung soll – wie bei der Jacke auch –die Wärme besser isolieren und wasserabweisend gegen Witterung schützen.

Das System ist sehr leicht und sehr flexibel. Die Jacke kann zu jeder Tageszeit und in jeder Situation genutzt werden und der Schlafsack kommt nachts hinzu. Rapha hat den Schlafsack unten mit einem Tunnelzug versehen, so kann man ihn dort öffnen. Das schätzen Ultrasportler, weil sie so ihre Schuhe anlassen können und mit dem Sack, wenn auch eingeschränkt, laufen können. Die Öffnung ist allerdings nicht groß genug, um den Sack bis zu den Hüften hinauf zu raffen und dann so als wärmende „Frühstarter-Radhose“ zu dienen.

Etwas hakelig im Handling sind all diese Sack-Jacken-Konzepte in den frühen Morgenstunden. Am kältesten ist die Nacht meist gegen fünf Uhr. Wem dann kalt wird, der muss entweder etwas weites über die Jacke ziehen oder die Jacke ausziehen, eine zusätzliche Schicht – etwa ein Trikot – überwerfen und anschließend die Jacke wieder anlegen und die Schlafsackaußenhaut schließen … Hier kommen die Ultrasportler-Gene des Konzepts zum Tragen. Von einigen Sportler weiß man, dass sie absichtlich zu kalte Schlafsetups wählen und ein frühmorgendliches Frösteln als willkommene Gelegenheit ansehen, um aufzustehen und die ersten Kilometer des Tages noch vor dem Sonnenaufgang zu machen. Einen „Zu-wenig- Daunen-Wecker“ könnte man das nennen. In diesem Sinne passt Konzept und Ausführung des Sets perfekt zum angestrebten Markenimage von Rapha: Schicke Performanz.

Auch die „Explore“-Jacke ist wasserabweisend beschichtet, sie wiegt ca. 230 Gramm und kostet 260 Euro. An ihr gefällt uns, dass man die Kapuze abknöpfen kann, was das Tragen auf dem Rad/mit Helm bequemer macht. Die Verarbeitungsqualität ist rapha-typisch ohne Tadel.

Für 550 Euro bekommt man bei Rapha diese Schlafsystem für den Sommer. Das ist preislich auf dem Level eines Nordisk Oskar 10° (330 Gramm / 320 Euro) und eines Patagonia Micro Puff Hoody (264 Gramm / ca. 250 Euro), die in Kombination kaum 100 Gramm mehr wiegen und wegen der Kunstfaser deutlich universeller und unkomplizierter im Handling sind. Sie lassen sich einfacher waschen und trocknen und bieten selbst bei Nässe noch eine gewisse Isolationswirkung.

Fazit
Für Sommertouren ist die Rapha-Kombination ein stilsicherer Hingucker mit funktionellem Schlafkomfort für sportive Bikepacker. Wer einen breiteren Einsatzzweck – sprich Temperaturbereich – sucht, dem bieten sich fürs gleiche Budget geeignetere Kombinationen.

Ach ja, wir haben auch einen Praxis-Test gemacht, und zwar Kollege David. Er war kürzlich Wochenende im Odenwald mit zwei Freunden auf Genusstour:

„Von Heidelberg aus ging es steil rauf und runter, teils am Neckar lang. Nach reichlich Schlemmerei, Singletrack, Forstautobahngeballer gab es ein regionales Betthopferl in einer riesigen Luxushütte mit Feuerstelle. Mit dabei das Explore-Down-Set von Rapha: Schlafsack für untenrum und der obere Teil entsprechend als Jacke. Zuerst war der Abend noch sehr warm, weshalb die Daune als zu dick in der Satteltasche blieb. Doch als die Temperaturen in der Nacht doch noch fielen, war der dankbare Griff zum Explore-Schlafsack ein schneller und die Nacht konnte kuschlig weitergehen.“

Fast bedauert er etwas, dass es für die Jacke dann doch noch zu warm war …

Lobbymeter
Wegen meiner unterschiedlichen Rollen in der Fahrradwelt landen täglich gefühlt eine Million Pressemitteilungen in meinem Postfach. Viele preisen neue Produkte an. Als alter Hase habe ich eine gewisse Gelassenheit ausgebildet und dennoch gibt es hin und wieder Produktankündigungen, die ich sehr spannend finde. Und wenn dann die Wege kurz sind – etwa, weil ich vormals mit den Firmen bereits auf professioneller Ebene zu tun hatte –, dann passiert es schon mal, dass ich ratzfatz ein Päckchen mit einem Testmuster auspacken kann. So ist es auch bei den diesen Produkten geschehen: Kurzer, kostenloser Dienstweg, aber ohne eine konkrete Erwartungshaltung oder inhaltliche Einflussnahme!
Also zwei Kurze getrunken. Mehr zum Lobbymeter steht hier

1 Comment

  1. Boris Gloger Dienstag, der 20. August 2019 at 20:54

    Habe die Kombination gerade auch im Einsatz. Dein Review ist korrekt. Die Jacke ist super, der Sack etwas zu kalt. Insgesamt zu teuer. Die Brevet Linie von Rapha ist offensichtlich für Schönwetterfahrten.

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