Fre!lauf DIY Bike-Camp

Die Fahrrad-Bande aus Berlin hatte ich schon länger im Blick: Ziemlich lässig, was die so in Berlin zusammenführen und wie sie Fahrrad in unterschiedlichsten Aspekten voranbringen. In deren Newsletter las ich – soweit ich mich erinnern kann – das erste Mal vom Fre!lauf DIY Bike-Camp. Ich habe es mit „Bleistift in den Kalender eingetragen“, was in meiner digitalen Welt eigentlich heißt „spannende Sache, mal im Blick behalten und evtl. gar hinfahren/mitmachen“.

Dann war da noch der coole Podcast in Regines Radsalon mit Tatze und Florian. Damit war klar, da musste hin, selbst wenn immer noch nicht so ganz klar war, was da eigentlich passiert. Ticket gebucht, bisschen was als Spende draufgelegt und nen Paket mit fahrstil-Heften und Bücher-Doubletten für den Lesetisch auch den Weg gebracht.

Und genau dieser Lesetisch sorgte bei mir für den ersten melancholischen Lächler im Camp: Auf dem Tisch lag auch eine Erstausgabe meines ersten Buches (Das Liegerad von 1993) … Mensch, die Zeit fliegt. Apropos fliegt! Die gemeinsame Anfahrt mit Regine und mächtigem Rückenwind, war auch ne Sause, in kaum drei Stunden sind wir die 70 Kilometer mit reichlich Gepäck nach Wriezen rausgeradelt. Das Zelt – ja, ich hatte mal wieder ein Zelt mit – war schnell errichtet.

Zum Camp selbst könnte ich bestimmt nen Dutzend Blog-Beiträge schreiben. So bunt und an der Oberfläche verschieden das Publikum des Fre!laufs auf den ersten Blick erschien, so homogen offenbarte sich das Wertgefüge und die (politische) Weltsicht. Das ist bei solchen (Rad) Events ja in der Natur der Sache und von den Machern mittels Programm und dem „Lies-Mich“-Dokument intendiert. (Sub)Kulturelle Gruppenbildung funktioniert halt über ein homogenes Innengeflecht und Abgrenzung: Links, vegan, ökologisch und respektvoll waren alle – umzingelt vom bösen rechten Brandenburger-Mob … ok, ich stichle hier nicht weiter!

Was aber wirklich funktionierte: es war eine arschlochfreie Zone und jedes Gespräch war von Herzlichkeit, Offenheit, einer Portion Radverrücktheit und einer klaren Position geprägt. Wer sich auf die Grundregeln des Camps eingelassen hatte, wurde wärmstens in diese WE-Camp-Clique aufgenommen.

Folgende Passage aus dem „Lies-Mich“-pdf bestimmte mein fotografisches Leitmotiv fürs WE: „Fotografieren: Bitte respektiert die Privatsphäre anderer Menschen auf dem Festival. Jeder Mensch hat das Recht anonym zu bleiben. Lichtet nur Menschen ab, die wissen, dass sie fotografiert werden und das auch wollen. Macht keine Fotos von/an Orten, an denen sich viele Menschen aufhalten, da ihr unmöglich alle um Erlaubnis fragen könnt.“ So hatte ich mich entschlossen gar keine Menschen abzulichten. Hier und Da ist mal ne Hand im Bild, aber sobald diese Ringe, Tattoos oder Narben hatte, die eine Erkennbarkeit ermöglichen könnten, habe ich das Foto umgehend gelöscht. Hier also mein Foto-Reportage-Detail-Mosaik ohne auch nur einen der 200 Menschen auf diesem tollen Camp im Bild zu haben!

 

 

5 Comments

  1. Christoph Montag, der 27. August 2018 at 19:35

    Moin Gunnar,

    Funfact 1: Das Land Brandenburg hat aufgrund einer demokratischen Wahl eine rotrote Landesregierung. Leider hat auch die AFD 10 Sitze im Brandenburger Landtag!
    Funfact 2: im Strausberger Stadtparlament (nicht weit von Wriezen) verhindern ehemalige SED-Kader seit Jahren die Benennung einer Straße nach einem gewissen Michael Gartenschläger (der hat einen lesenswerten Wikipedia-Artikel). Damit haben wir dann auch gleich einen Bezug zur ehemaligen innerdeutschen Grenze bzw. zur dazugehörigen Trophy.
    Funfact 3: bei einer Radtour durch die Lüneburger Heide habe ich in einem Dorf nicht weniger als 10 dieser komischen rotweißschwarzen Flaggen in den Vorgärten gezählt. Ist Niedersachsen deswegen braun?
    Funfact 4: dank meiner „DDR-Vergangenheit“ weiß ich, dass „links“ nicht automatisch oder immer positiv besetzt ist. „Linke“ haben eine astreine Diktatur errichtet…. meine Stasi-Akte hatte etwas mehr als 10 Seiten und ich war knapp 15 Jahre zum Ende der DDR….

    Gunnar: Wie findest Du eine Schublade names „Besserwessi“?

    etwas rantig
    Christoph

    Reply
    1. Tatze Dienstag, der 28. August 2018 at 07:52

      Hi Christoph,
      Du solltest zur Vorgeschichte wissen, dass gleich am ersten Tag Personen aus dem Nachbardorf S***H*** rufend übers Camp gelaufen sind.
      Das ist natürlich ein blöder Sonderfall und mit Sicherheit nicht die Regel, aber auf jeden Fall Grund zur Sorge.

      LG

      Reply
  2. Tatze Montag, der 27. August 2018 at 22:37

    Der Artikel ist wunderschön und die Fotos auch! Danke für deinen tollen Beitrag! :-)

    Reply
  3. Stefan Dienstag, der 28. August 2018 at 22:06

    Hallo Gunnar,

    ich schließe mich Tatze an: Ein spannender Bericht mit tollen Fotos. Klasse!

    P.S. Weiß du zufällig, was das für ein Rad auf dem Bild in der ersten Reihe ist und hast möglicherweise ein paar Details dazu? Täte mich sehr interessieren.

    Beste Grüße aus’m Ruhrpott,
    Stefan

    Reply
    1. Gunnar Fehlau Freitag, der 31. August 2018 at 14:05

      Hi Stefan,

      das ist mein Breitreifenrennrad von Robert Stolz aus der Schweiz. Hier gibt es mehr von dem Rad zu sehen, bei Fragen einfach ne Mail schicken!
      Cheers GuF

      Reply

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