Kann man sich in eine Radjacke verlieben?

Ich liebe die Einfachheit, die Effizienz und die Freiheit, die Radfahren in mein Leben bringt. Doch gerade mit der Einfachheit ist es schnell vorbei, wenn es um die richtige Ausrüstung geht. Der Unterschied zwischen GUT und GUT-gemeint ist oft ein kleiner, aber entscheidender … Wie viel Geld habe ich schon in Rahmen, Reifen, Schaltungen, Lenker, Sättel, Schuhe, Helme & Co. versenkt, in der Hoffnung, durch ihren Erwerb die Freude auf dem Rad zu steigern. Genau diesen schlechten Erfahrungen entkeimt die grenzenlose Liebe für so manche Komponente und manches Kleidungsstück. Dass ich über die Jahre sechs „Swift„-Sättel von Brooks angesammelt habe, sagt vielleicht etwas über mich, aber noch mehr über diesen Sattel (= Er ist der beste der Welt!). Und diese Liebe kann auch sehr schmerzhaft und holprig beginnen. 2010 brachte Assos die „Fugu“-Jacke heraus: Eine vollends auf die kalte Jahreszeit optimierte Jacke für Radfahrer. Stolzer Preis: 379 Euro! Das erzeugt erst einmal Schnappatmung bei mir! Den Familienrat ließ ich zunächst im Ungewissen über den Preis. Ein erstes Anziehen zeigt: Diese Winterhaut sitzt eng und schließt fast hermetisch an den Bündchen, am Hals und rund ums Gesicht ab. Nur die Reißverschlüsse der Hecktaschen sind ein wenig ungelenk positioniert (wurde in der nächsten Generation korrigiert).

Eigentlich sollte die Jacke bereits vier Tage nach ihrem Eintreffen beim „Einzelzeitfahren Hamburg Berlin“ zum Einsatz kommen. Damals im Oktober 2005 war es aber so warm, dass leichte Herbstbekleidung genügte:

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Die erste spätherbstliche Ausfahrt endete in einem Logistik-Desaster: Unter der Fugu ist es so warm, dass ich während der Fahrt zwei Zwischenschichten ablege und irgendwie auf dem Rennrad sicher verstauen muss. Lektion gelernt: Fugu hat einen eingebauten Ofen … ich habe ihn bis heute nicht gefunden, aber er ist sehr leistungsfähig und raucht nicht! Ich bin so angefixt, dass ich drei Wochen später die dazu passende Hose „Airbus LL“ für nochmals 229 Euro kaufe … Puh, in drei Wochen 608 Euro für Radkleidung ausgegeben. Dafür kauft sich der Durchschnittsdeutsche in dem Jahr etwa 1,5 Fahrräder …

Mitte Dezember geht es nonstop bei etwa Null Grad Celsius zu meinen Schwiegereltern an den Rennsteig – 125,8 Kilometer … jetzt bin ich endgültig in die Fugu verknallt. Noch nie fünf Stunden im Winter geradelt ohne zu frieren … ok, die Füße, aber dazu später mehr!

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Und ein Jahr später im Oktober: gleiche Strecke, gleiche Jacke, gleicher Spaß!

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Auf diesem Bild ist die Jacke nicht zu erkennen, aber dennoch dabei: Nite-Ride mit PersonalSports im Dezember 2007:

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Mein Kleidungsstil hat sich über die Monate extrem reduziert, Fugu plus X. Hier beim Testen eines Felt-Fixies im Februar 2008:

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Ihre dezente schwarze Erscheinung macht sie auch an Festtagen salonfähig: Etwa an Weihnachten, wie diese Zweiter-Weihnachtsfeiertags-Tour zeigt:

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Bei Zeitfahranzügen ist jedem klar, sie werden auf Zeitfahr- oder Triarädern gefahren. Aber gibt es für Winterkleidung das ideale Rad? Ja, und das ist das Fatbike. Im Januar 2010 rollt das erste in meinen Radkeller und seither ist klar: Fugu & Fatbike sind des Radlers Winterfreude. Eine erste große Ausfahrt gibt es anlässlich der Brocken-Challenge im Februar 2010:

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100206_BrockenchallangeDSCN3773_08Vor Fatbike und Fugu hieß es: „Hoffentlich taut der Schnee bis zum Wochenende, ich will biken gehen!“ Jetzt lautet das Motto: „Und über dieses Eis Freitagabend noch eine Schicht Puderschnee, dann ist es perfekt!“ Eine Ausfahrt mit dem „Rocket-Scientist“ Maui …

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„O bis O“ heißt es für Autofahrer in Sachen Winterreifen … so ähnlich ist es mit der Fugu bei mir auch: Meist kommt sie im Oktober das erste Mal über die Schultern und selten nach Ostern nochmals. Sie hält einen gepflegten Sommerschlaf – stets frisch gewaschen und luftig ins Regal gelegt. 2010 musste sie etwas länger im Dienst bleiben. Ostern war spät und die Kälte hielt sich sogar noch länger. 10. April 2010:

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Das mit den Rankings ist so eine Sache. Aber eine Liste sollte man in jedem Falle führen, die der besten Radfahrten des Lebens. Bei mir variieren die exakten Platzierungen je nach Laune und Fitnesslevel, aber diese eine Fahrt ist für immer auf einem Podiumsrang: Zweiter Weihnachtsfeiertag 2010!

Fugu, Fatbike und ich machen sich um 6:00 Uhr morgens auf den Weg zu den Schwiegereltern. Minus 7° C, reichlich Schnee und dabei menschenleer. In den ersten drei Stunden überholen mich ganze sieben Autos. Drei davon sind orange, haben ein Licht auf dem Dach und einen Schneepflug an der Front montiert. Ich brauche über sieben Stunden für eine Strecke, die sonst in fünfen abgespult ist. Zehn Kilometer vorm Ziel ballere ich mir zwei Gels rein, um den Schlussanstieg Richtung Rennsteig zu meistern. Selten hat sich Radfahren mehr nach Freiheit angefühlt als an diesem Morgen!

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101226_DSCN6944_12Aus dem Jahr 2011 gibt es keine Fotos (Skandal!) und mit dem GST-Veteranen Stephan Joost ging es am Vor-Nikolaus-Abend 2012 auf Wintertour. Holger, Dank nochmals für die Heißgetränkpause:

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121205_IMG_1852_14Bahnfahren und Fugu vertragen sich übrigens auch bestens. Im Vorbereitungswinter für die Tour Divide rollerte ich bei Schnee kurzerhand mit dem MTB auf der Radbahn in Göttingen:

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Kleiner Overnighter im Januar … ganz familienfreundlich einfach am Morgen die Brötchen geholt und wieder bei der Familie zum Frühstück erschienen:

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Die 2013er Brocken-Challenge sollte ein Biwak werden. Da ich aber bereits vor 14.00 Uhr auf dem Gipfel stand, bin ich kurzerhand mit Overnighter-Ausrüstung zurück zum Kehr nach Göttingen geradelt.

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Die Vorbereitung auf die Tour Divide trieb so manche Blüten: Morgendliches Training auf der Radbahn mitsamt dem Abarbeiten der Mails … Die Fugu kann also auch bei der Arbeit getragen werden:

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Als mein alter Paris-Brest-Paris-Kumpan Meinhard mich zu einer Radtour einlud, war ich natürlich trotz Schnee dabei … Der bremste ihn und ließ ihn bibbern … ratet, ob ich gefroren habe?!

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Ostern 2013 – Fugus letzte Ausfahrt der Saison!

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2014/15 – Saisonauftakt im Oktober:

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Im Januar beim üblichen monatlichen Overnighter dürfen weder Fugu noch Lagerfeuer fehlen:

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Mein Fazit:
Logisch, als ich 2005 die Fugu mitsamt passender Hose gekauft habe, dachte ich auch, dass 600 Euro für zwei Kleidungsstücke doch eher unvernünftig und dekadent seien. Jetzt geht die Kombo ins elfte Jahr und hat damit kaum 60 Euro pro Saison gekostet. Das macht – bei vielleicht 20-30 Fahrten je Winter – etwas über zwei Euro pro Fahrt. … also rein betriebswirtschaftlich völlig vertretbar. Viel wichtiger ist der Fahrspaß, die vielen Stunden voller Wärme da draußen in der Natur … das ist mit Geld letztlich nicht aufzuwiegen. Ja, ich gebe es zu, ich bin in meine Winterjacke verliebt!

Freilich, weder Jacke noch Hose sind frei von Schwächen: Größtes Manko ist aus meiner Sicht, dass die Jacke kein bisschen  Regen verträgt, sich sogar regelrecht vollsaugt und dann mehr kühlt als wärmt. Ich habe eine Schleuse fürs Kopfhörerkabel nachgerüstet (Knopfloch-Funktion an der Nähmaschine … danke Uli!). Nach zehn Jahren zeigen sich aber auch erste Verschleißerscheinungen: Der innere Reißverschluss der Fugu ist kaputt und wurde gegen einen einfachen aus dem Handel ersetzt, der leider schon wieder schwächelt. Gleiches gilt für den Hosenreißverschluss: kaputt, weil der Schlitten einfach rausgesaust ist und dabei verloren ging. Der eine oder andere Sturz hat sich über die Jahre auch ereignet: Fugu und Hose haben diverse kleine Löcher, die aber erstaunlicherweise kaum Einfluss aufs Wärmeverhalten haben.

Ich würde Jacke wie Hose sofort wieder kaufen!

PS: Es gibt natürlich noch mehr solche Ausrüstungs-Ikonen. Den Swift von Brooks habe ich schon erwähnt und der Wölvhammer von 45NRTH gehört ebenso dazu. Seit ich diese fahren, habe ich keine kalten Füße mehr und das war bis dahin meine Schwachstelle. Für die Hände habe ich auch Lösungen gefunden und so kann man bei jedem Wetter zu Radabenteuern starten. Siehe Link!

PS 2: Zwischenzeitlich ist die Fugu-Jacke nicht mehr im Programm, da Assos die Modelle für die „siebte Jahreszeit“ (ultrakalter Winter) nicht mehr anbietet, sondern empfiehlt, verschiedene Layer zu kombinieren. Am ehesten ist die iJ bonKa.6 (so schreibt sich das wirklich!) als Nachfolgemodell anzusehen …

3 Comments

  1. Tom Hill Dienstag, der 22. September 2015 at 12:11

    Ich liebe diese Berichte! Einfach gut geschrieben, klar und verständlich – und immer nehmen sie einen mit auf den Weg. KLASSE!

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  2. Markus Dienstag, der 22. September 2015 at 20:52

    Sehr schön beschrieben.
    Auch ich liebe meine Fugo samt Hose,, die beste Winterkomi die ich je hatte.
    MW.

    Reply
  3. siggi Donnerstag, der 24. September 2015 at 01:14

    Brooks Swift – volle Zustimmung.
    Allerdings nur der mit Titangestell. Meinen Ersten habe ich seit 1996 und reite ihn immer noch. Über 200 000 km hat der mich bestimmt schon getragen.
    Meine Lieblingsjacke? Gore Windstoppertrikot Mistral.
    1999 gekauft und seit dem bei allen Events und im Training dabei.
    Ich fand die Jacke so gut, dass ich mir damals gleich noch Eine als Reserve gekauft habe. Die Reservejacke lag bis Juni in diesem Jahr im Schrank. Erst zur GST 2015 habe ich sie eingeweiht. Die erste Jacke hätte es aber auch noch getan.

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